Jenseits von 9b

IG Klettern, 11.02.2018

Jenseits von 9b

Klare kalte Nächte und Sonne satt! Es ist Herbst im Donautal! Die Zeit des Jahres in der man auch an der Rabenwand günstige Bedingungen vorfindet. Die Rabenwand, ein graues und kompaktes, nach Süden ausgerichtetes Schild im oberen Donautal. Selbst an sonnigen Wintertagen kann man hier klettern. Es überwiegt technisches Klettern an seichten Dullen und kaum vorhandenen Tritten. Die haltlosen Platten verlangen eher nach diffizilen und überlegtem "Geschiebe" an Stelle von unachtsamen und kraftvollen Gezerre. Im Fach-Jargon wird es auch als "Old-school Klettern" bezeichnet.

So pilgere ich auch dieses Jahr im Herbst wieder an die Rabenwand, um eine der "großen" Linien zu versuchen. Eine der Routen im zentralen Wandteil. Dort wo der Fels am kompaktesten ist. Graue kompakte Wandfluchten mit vielen kleinen Kanten, Leisten und Dullen, welche den Weg nach oben ermöglichen.

Die Route trägt den Namen "Peace in the Valley". Der Einstieg befindet sich links der Route "Goldfinger", einer ebenbürtigen und genialen Linie in bestem Donautalkalk im zentralen Wandteil. Das "Peace" besteht keineswegs nur aus Platten, es ist für Rabenwand Verhältnisse sehr abwechslungsreich. Der schwere Teil beginnt mit einem kleinen Überhang welcher dann in anstrengende Wandkletterei mündet. Gefolgt von der wohl schwersten Stelle: einer Platte ... wie sollte es auch anders sein. Dieser Route eine Rotpunktbegehung abzuringen, sollte meine heutige Aufgabe sein.

Und heute fühle ich mich groß - groß und stark. Stark genug für die kleinen Griffe und Dullen. So bewaffne ich mich mit meinen Expressen um den Weg nach oben anzutreten. Der erste einfache Teil bis unter den Überhang gelingt mühelos, scheinbar schwerelos. Hier lege ich wie immer eine erste Pause ein. Klinke die nächste Expresse in den nächsten gut zu erreichenden Bühlerhaken. Ebenso das Seil. Jetzt kann es losgehen! Tiefes Zweifingerloch mit Links - ein weiter Zug mit rechts in das nächste Zweifingerloch. Nun ... nun ... ich zögere ... ich falle! Weg ist sie, die scheinbare Schwerelosigkeit. Puhh ...

Ich kämpfe mich zum nächsten Bolt. Pause! Die nächste schwere Stelle steht bevor. Mit rechts einen kleinen "Zweifingeruntergriffsteller", ein weiter Zug auf eine "Kratzer" Leiste mit links. Dann an eine Zange mit rechts - geschafft. Ich klettere zum nächsten Bolt. Pause!

Doch nun sollte sie kommen, die Platte. Der Teil der Route der für mich definitiv die Schlüsselstelle darstellt. Nicht nur physisch sondern insbesondere auch psychisch. Ich sammle meine Gedanken und versuche mich daran zu erinnern dass das Stürzen absolut kein Problem ist und ohne Konsequenzen verläuft. Dennoch macht sich eine grundsätzliche Nervosität bemerkbar. Ich klettere zaghaft weiter. Mache die ersten Züge in die Platte ... ich stürze. Zu wenig war meine Entschlossenheit. Entschlossenheit, ohne sie ist schweres Klettern nicht möglich. Der nächste Versuch ... Sturz! Noch paar mal versuche ich die Schlüsselstelle zu klettern ... keine Chance ... Enttäuscht lässt mich mein Kletterkumpel zu Boden. Ich will es später nochmals versuchen.

Alle Versuche an diesem Tag die Route überhaupt hoch zu hängen scheitern. Auch bei den folgenden Versuchen schaffe ich es nicht über die Platte hinweg zu klettern. All mein Trainingsfleiß, all meine Campusboard Sessions halfen an diesem Tag nichts. Es fehlte mir schlicht weg an Entschlossenheit und Wille. Und das, obwohl ich vor gut zwei Jahren die Route beinahe geklettert hätte!

Am Ende des Tages verlasse ich enttäuscht die Rabenwand. Zu einfach hatte ich mir das Ganze vorgestellt. Es sollte anders kommen. Kein schnelles "Konsummieren" einer großartigen Route. Kein "Abhaken". Stattdessen ein Scheitern. Dabei ist die Schwierigkeit doch nur "9+". Verglichen mit den High-End Schwierigkeiten der weltweiten Toprouten kann es doch nicht so schwer sein 9+ zu klettern? Scheinbar schon ...

Aber ich werde wieder kommen. Ich werde es wieder versuchen! Ich werde es wieder versuchen dem "Peace" eine Begehung zu entlocken.

Auch nur für 9+ ...

Thomas Hermann im Herbst 2017

Rabenwand
Rabenwand

4  Kommentare

  • Manne
    11.02.2018 13:43 Uhr

    Hi, danke fuer den Bericht.
    Peace ist schwerer als z.b. Mr.Magnesia
    an der Schellneckwand !
    Der untere Teil der Route ist die ehemalige BENK Führe aus den 80ern.
    M.Pelger

  • Johannes
    11.02.2018 17:53 Uhr

    Hallo Thomas,
    schöner Text, der sich auf jedes berannte Projekt übertragen lässt! Ganz gleich wie schwer.
    Aus meiner Sicht ist Peace in the Valley auch schwerer als der Goldfinger und fordert mit Sicherheit insbesondere mit der beschriebenen Plattenstelle die Psyche!
    Eine der ganz großen Linien im Tal und im Hinblick auf das Zahlenspiel muss man sich nur die Anzahl der Begehungen in den letzten 20 Jahren ansehen...
    Bin mir sicher das du diesen Meilenstein klettern wirst und wenn du nen Sicherer brauchst einfach anrufen!
    Gruß j

  • Matze S.
    13.02.2018 09:17 Uhr

    Sehr geiler Bericht. Freue mich auf mehr.
    Aktuell sitze ich noch bei -10 Grad am Frühstück. Aber am Nachmittag werden Thomas und ich einem weiteren Donautal-Meilenstein versuchen eine Begehung abzuringen. Ich freu mich drauf du wunderschönes Donautal.

  • Johannes
    14.02.2018 08:46 Uhr

    Na der Plan ist ja mal aufgegangen!!!
    GRATULATION

    Habe die Ehre : )

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